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    BEHIND THE BEAT Producer PodcastEpisode #65 mit Katie Tavini – Gutes Mastering braucht große Gefühle

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    Katie Tavini hat an Produktionen mitgearbeitet, die akkumuliert eine Milliarde Mal gestreamt wurden. Ihr Arbeitsalltag aber findet weitab von Stadien, Papparazzi und roten Teppichen statt. Bei ihr dreht sich alles um ein nur scheinbar bescheideneres Ziel: Mit ihrem Beitrag die Musik ein bisschen besser zu machen.

    Tavini ist, wie die meisten in ihrer Spezialisierung über Umwege zum Mastering gekommen. Nach einer frühen Geigenerziehung und einem klassisch orientiertem Studium trat die Band Sonic Boom Six mit dem Wunsch an sie heran, ihre Aufnahmen zu optimieren. Es war der erste von vielen Jobs durch den sie einen intuitiven Zugang zu einer Disziplin entwickelte, die sie gleichermaßen als Handwerk und Kunstform betrachtet.

    Mastering hat zunächst einmal eine technische Komponente. In ihrem intim-kleinen Studio, das von einem hochwertigen PMC-Lautsprecherpaar und einem System mit, unter anderem, einem Kompressor von Iron Mastering, einem Bettermaker Limiter, dem Neve Designs MBT und Lynx Hilo, hat sich Katie das Equipment zu- und zurechtgelegt, mit dem sie tief in den Klang eintauchen und ihn geradezu plastisch formen kann. Steinberg Wavelab dient als umfassende Bearbeitungsbasis und um die verschiedenen Komponenten ihrer Kette zusammenzuführen.

    Gleichzeitig können Hardware und Apps nicht ersetzen, worauf es wirklich ankommt: Empathie für die in der Musik verhandelten Gefühle, kritisches Hören sowie die Fähigkeit, die Elemente eines Songs zu bestimmen, auf die es ankommt. So wird die Arbeit an einem Musikstück zu einer unsichtbaren Kollaboration – manchmal liest sie sich bei der Arbeit tief in die Biographie, Artikel und Interviews ein, um die Gedanken und Geschichten hinter den Sounds besser zu verstehen.

    Es ist dieses tiefe Eintauchen, für das ihre KundInnen sie schätzen – und die erklären, warum ihr scheinbar bescheidener Beitrag über einer Milliarde HörerInnen ganz große Gefühle beschert hat.

    BEHIND THE BEAT Producer PodcastEpisode #64 mit AOIFE, Thomas Braun und Julien Fernandez

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    Diese Folge widmet sich dem Thema PR aus der Sicht von drei Experten mit persönlichen Perspektiven.

    Spätestens seit der Kontroverse um die Band Geese, ihren atemberaubenden Aufstieg und die umstrittene Social-Media-Agentur Chaotic Good scheint fest zu stehen: Die Musikindustrie ist ein schmutziges Geschäft. Die Rolle von PR in diesem System ist so zentral, dass man meinen könnte, weder Musik noch eine gute Geschichte entscheiden über Erfolg oder Misserfolg – sondern ausschließlich die Wahl der aggressivsten Agentur.

    Wenn man eine Kampagne vom Blickwinkel kurzfristiger Ergebnisse her betrachtet, ist das vermutlich sogar korrekt. Doch kann man sich darüber streiten, ob die von Chaotic Good praktizierten Methoden streng genommen als PR durchgehen: Für das Betreiben eines Netzwerks, dessen einziges Ziel die Produktion von Aufmerksamkeit und “Engagement” ist, fehlen noch die richtigen Begrifflichkeiten. “Legale Manipulation” trifft es noch am ehesten.

    Um zu sehen, wie PR-Manager über ihren Beruf denken und wie sie die Zukunft der Branche sehen, habe ich mit drei von ihnen gesprochen. Alle haben aufgrund ihres Backgrounds eine sehr persönliche Perspektive

    Thomas Braun hat die Geburtsstunde der deutschen Club-Szene hautnah miterlebt, war Teil von Label-Projekten und Vertrieben. Inzwischen hat er sich von House eher in Richtung Jazz umorientiert, unter anderem deshalb, weil die Medienlandschaft in der Elektronik fast komplett verschwunden ist. Aoife Lavery arbeitet für die namhafte britische Agentur Neighbourhood, ist aber selbst auch als DJ unterwegs und hat gerade mit “Attrition” ihre erste EP mit spannend-düsterem Techno vorgelegt. Julien Fernandez wiederum leitet aus New York die Agentur Five Roses Press, mit der er sich stilistisch sehr offen aufstellt und direkte, persönliche Beziehungen mit seinen Künstlern pflegt.

    Aus diesen Gesprächen wird deutlich: Ja, klassisches PR durchläuft eine schwierige Phase. Doch lohnt sie sich noch immer – auch ohne das Budget eines Majors hinter sich zu haben.

    BEHIND THE BEAT Producer PodcastEpisode #63 mit Steven Wilson – Kann man Surround Superstar sein?

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    Diese Folge widmet sich Steven Wilson, der als Songwriter, Gitarist, Produzent und Engineer den Klang immer gleich mitdenkt – und zu einer Art Dolby Surround Superstar aufgestiegen ist.

    Multiple Persönlichkeiten werden üblicherweise als Störung angesehen. In der Musik hingegen gelten sie als Auszeichnung. Schon in Porcupine Tree sah Steven Wilson sich bereits als Gruppe, ehe daraus eine richtige Band wurde. Und während bereits die stilistischen Pirouetten von PT für drei bis vier durchschnittliche Karrieren gereicht hätten, tobte er sich zusätzlich in einer Vielzahl von Nebenschauplätzen aus: I.E.M., Blackfield, No-Man, Continuum, Storm Corrosion. So ist ein wild wuchernder Diskographie-Wald entstanden, der Komplettisten Albträume beschert.

    Hinter dem Elektizismus und der Rastlosigkeit steht ein hungriger Hörer. Jahrelang waren Wilsons öffentlich geteilte Playlists eine Anlaufstelle für unkonventionelle Empfehlungen, in denen vermeintlich Kommerzielles neben Kunst stand, Kurioses neben Klassikern. In dem mit seinem langjährigen Kreativpartner Tim Bowness geführten Podcast „The Album Years” diskutieren sich die Freunde, fein säuberlich nach Jahrzehnt geordnet, durch die großen und möglicherweise überbewerteten Alben der Musikgeschichte – ein Konzept, mit dem sie inzwischen sogar vor Publikum auftreten.

    In den letzten Jahren hat sich Steven Wilson mit Remastering und Surround-Sound-Mixen ein weiteres Standbein aufgebaut und ist damit, in sofern das überhaupt möglich ist, in diesem Bereich zu einer Art Superstar aufgestiegen, dem einige der größten Bands, vor allem aus dem Progressive Rock und 80er-Jahre Synthie Pop, ihr Vertrauen schenken.

    Das Thema Klang ist somit für ihn präsenter denn je, weswegen wir das neuste Album seines Ambient-Elektronik-Projekts Bass Communion, „The Itself Of Itself,” als Aufhänger für ein Gespräch nahmen, in dem sich alles um Technologie, Klang und Experimente dreht. Das mag wie ein sehr fokussierter Aufhänger klingen. Doch steht gleichzeitig bereits das neue Solo-Album unter seinem bürgerlichen Namen in den Startlöchern – immer, wenn man meint, man habe seine musikalische Persönlichkeit genauer gefasst, ist sie einem bereits wieder entglitten.

    Episode #62 mit Mads Kinnerup

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    Diese Folge widmet sich Mads Kinnerup, der unsere Art Musik zu machen umdenken und die Potentiale von KI allen Kreativen zur Verfügung stellen möchte.

    Für Mads Kinnerup ist Musikmachen stets ein Experiment, ein Portal in die Zukunft. So verbrachte er stundenlange Sessions in den Stockholmer Elektron Studios mit klassischen Buchla-Systemen um seine persönliche Vision eines neuen Kreativansatzes zu realisieren. Auf diesem Ansatz beruhen seine Synthesizer-Alben „Interpolation” und „Invented Mythology”, die mit reduzierten Mitteln epische Klangwelten aufstoßen. Das nächste Werk wird sich mit dem Thema KI auseinandersetzen – und damit politisch werden.

    Dass die Arbeit an dieser Veröffentlichung ganz unmittelbar mit seiner Anstellung als Assistenz-Professor am Kopenhagener Rhyhmic Music Conservatory verzahnt ist, beweist, dass Forschung und Kreativität bei Kinnerup nicht voneinander getrennt werden können. Am RMC entwickelt der dänische Produzent eine Software namens „Rave”, welche die selben Konzepte, die er in Stockholm mühsam händisch an Modularsystemen umsetzen musste, auf eine intuitive Weise erfahr- und spielbar machen soll.

    Das Ziel dahinter: Musik nicht mehr in einzelnen Spuren zu denken, sondern in Klangblöcken, die in ihrer Gesamtheit transformiert werden. Die Bedienung von Rave soll einfach und minimalistisch ausfallen, das Interface so direkt wie ein traditionelles Keyboard bedienbar sein. Doch verbergen sich dahinter Prozesse, deren Komplexität sonst nur von „intelligenten” Modellen beherrschbar wären und die sogar nach vielen Durchführungen eine gewisse Unvorhersehbarkeit behalten.

    Während Kinnerup die Potentiale von KI nicht leugnen mag, ahnt er eine dunkle Zukunft voraus, in der große Konzerne einen unaufholbaren technischen Vorsprung erreichen. Um den Anschluss nicht zu verlieren, müssen sich Musiker auf das besinnen, was sie noch immer besser können als die Maschinen: Einen direkten Kontakt zum Publikum aufbauen, sich in einem inspirierten Moment so unmittelbar wie möglich ausdrücken – und Experimente in erfahrbare Emotionen umzuwandeln.

    Episode #61 mit Mathieu Jaton vom Montreux Jazz Festival

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    Diese Folge widmet sich Mathieu Jaton vom Montreux Jazz Festival, der die ebenso harte wie aufregende Realität des modernen Festivalbetriebs aufdeckt.

    Nomen est Omen? In diesem Fall keineswegs! Schon nach den ersten Ausgaben wollte Gründer Claude Nobs den “Jazz” aus dem Titel seines Festivals streichen. Doch hatten sich alle zu sehr an den elegant von der Zunge gehenden Namen gewöhnt. Und so musste Nobs immer wieder erklären, dass Jazz für ihn ein Anspruch auf Vielfalt und Dynamik sei – keine starre Stilrichtung, deren ständige Weiterentwicklung Puristen am liebsten in den 60ern beendet hätten.

    Nobs war ein genialer Kommunikator, der die Auftritte auf der Bühne als MC selbst ankündigte, unzählige Ikonen mit dem Versprechen der Unsterblichkeit nach Montreux lockte und zum selbstgekochten Abendessen bei ihm zu Hause einlud. So wurde ein Event, das aufgrund der zwar idyllischen, aber logistisch ungünstigen Seelage des Austragungsortes, von Anfang an auf eine verhältnismäßig kleine Besucherzahl beschränkt war, zum vielleicht größten kleinen Festival der Welt. Die Marke indes wurde über hunderte Live-Alben im Katalog der besten Musiker des 20. Jahrhunderts global verankert und verbreitet – Viralität im embryonalen Stadium.

    Freilich kann sich kein Festival auf den Lorberen der Geschichte ausruhen und auch Montreux hat sich, vorbereitet durch Nobs bereits zu Lebenszeiten und dann beschleunigt und mit größerer Intensität nach seinem Tod 2013, immer wieder neu erfinden müssen. Dazu gehört eine breitere musikalische Palette, die inzwischen auch viel Elektronik einschließt, und eine smarte Social-Media-Strategie, die dafür sorgt, dass inzwischen nahezu 365 Tage im Jahr Montreux gefeiert wird. In den USA und China finden zudem Ableger statt, die den ursprünglichen Pioniergeist wieder aufleben lassen und in regem Austausch mit dem Original stehen.

    In unserem Interview mit dem MJF-Leiter Mathieu Jaton wird deutlich, dass sogar renommierte Festivals Alleinstellungsmerkmale brauchen sowie innovative Ideen, mit KünstlerInnnen zu kollaborieren. Der Name allein reicht nicht – das allerdings war gerade in Montreux schon immer klar.

#33 mit Moses Schneider

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Moses Schneider, der auf dem „Human Beat Pack“ 40 Jahre Erfahrung zu mitreißenden Loops destilliert.

Für viele sind die Aufnahmen von Moses Schneider „der Wahnsinn“. Doch hat dieser Wahnsinn Methode. Die Moses-Schneider-Methode um genau zu sein. Die hat der Engineer und Produzent mit Musikern der unterschiedlichsten Stilrichtungen entwickelt: Von Hip-Hop (Dendemann) und Indie (Tocotronic, Pixies) über Metal (Kreator) und Punk-Rock (Beatsteaks) bis hin zu Electro-Pop (Bobo in White Wooden Houses).

Bei der Moses-Schneider-Methode handelt es sich nicht um eine strenge Schritt-für-Schritt-Aufzählung technischer Specs oder Produktionssschritte. Vielmehr geht es um den bestmöglichen Schlagzeug-Klang. Dafür hat Moses eine Mikrophonierungs-Aufstellung entwickelt, die für Gänsehaut und pure, nackte Emotion sorgt. Kein Wunder also, dass der Equipment-Hersteller elysia in Moses den idealen Partner für ein ambitioniertes Projekt sah: Ein Beat-Pack, das einen „menschlichen Trommler“ zwar nicht ersetzt, aber doch so nahe wie möglich an dessen Groove und Ideenreichtum herankommt.

Und so schloss er sich mit dem Drummer Demian Kappenstein in ein Studio in Südfrankreich ein und nahm zwei Wochen lang, angetrieben von musikalischer Leidenschaft und französischer Koch- und Kaffeekunst, die nun als „Human Beat Pack“ veröffentlichten Loops ein. Dabei kamen die drei grundlegenden Mikro-Positionen der Moses-Schneider-Methode zum Tragen: „The Wurst“ (mitten im Drumkit, fängt den rohen Charakter ein), „SnareO“ (für detailreiche Snares und Hihats), und die „Droom“ (aufgenommen direkt vor den Cymbals und in den Raum schauend). Zusammen erlauben sie es, den Perkussion-Klang organisch einzufangen, und anschließend so detailversessen wie gewünscht zu bearbeiten.

Von der Suche nach dem perfekten Schlagzeug-Sound ist Moses genau so bessessen wie andere von der Suche nach dem perfekten Song. Darum war das „Human Beat Pack“ für ihn auch kein Job, sondern ein „wahrgewordener Traum“. Und deswegen sind seine Aufnahmen zwar stets gut geplant – aber eben auch immer noch schlicht der Wahnsinn.

#32 mit Protection von CHRCHES

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um das Duo Protection, das Drum n Bass mit Ambient und Electronica kombiniert – und dabei alle Erwartungshaltungen über Bord geworfen hat.

Ist es möglich? Musik nur aus der Freude am Spielen und Komponieren heraus zu machen? Kaum PR-Aufwand zu betreiben und in den sozialen Medien nur minimal in Erscheinung zu treten? Sich nicht um Streaming-Zahlen zu kümmern und den Markt nicht mit kostspieligen Vinyl-Ausgaben oder hippen Tapes zu fluten? Iain Cook und Scott Paterson glauben ganz fest daran. Genauer gesagt, sie glauben nicht nur daran, sondern handeln bereits nach dieser Maxime.

Dabei könnten Iain und Scott nur allzuleicht mit dem Pfund ihrer berühmten Haupt-Projekte wuchern. Iain zum Beispiel ist Mitglied der schottischen Pop-Sensation CHRCHES und kann auf eine lange, erfolgreiche Karriere mit den unterschiedlichsten Bands zurückblicken. Scott wiederum stand in der Vergangenheit viele Jahre mit den großartigen Indie-Rockern Sons And Daughters im Rampenlicht und ist aktuell eine feste Größe als Produzent in Glasgow.

All das aber interessiert sie nicht, wenn sie gemeinsam an Musik arbeiten. Vielleicht auch, weil sie sich bei Protection teilweise sehr weit von ihren musikalischen Anfängen und vom Tagesgeschäft abwenden. In den besten Momenten – und davon gibt es auf ihren ersten beiden EPs “Seeds I” und “Seeds II” sehr viele – bringen sie dabei das Beste des langen britischen Hardcore- und Ambient-Continuums zusammen: Aphex Twin, Burial und Photek und eine ganze Menge Melancholie, Mystik und hypnotischer Grooves.

Es könnte wirklich ganz, ganz groß werden. Aber genau darum geht es hier eben nicht.

#31 mit Vince Clarke

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Depeche-Mode- und Erasure-Legende Vince Clarke, der mit 63 sein erstes Solo-Album “Songs of Silence” aufgenommen hat – eine Sammlung atmosphärischer Experimente, Exkursionen und Exerzititen auf dem Eurorack.

Wenn ich an Vince Clarke denke, denke ich in Farben: Die Regenbogenpalette auf dem Cover des Erasure-Albums “Circus”. Die hyperreal-kitschigen Lilatöne auf “Loveboat”. Sogar ihre Sounds klangen quietschig-grell – und lauteten nicht ihre letzten beiden Studiowerke auf die Namen “The Neon” und “Day-Glo”? Wenn ich an Vince Clarke denke, denke ich auch an das Video zu “Chorus”, in dem er und Andy Bell auf dem Strand herumturnten und Vince als verrückter Professor an einem gigantischen Modular-Synthie die Knöpchen drehte. “Ehrlich gesagt war das gar kein Synthie” meint Vince grinsend als ich ihn darauf anspreche, “Es war eine alte Telefonanlage!”

Aber auch das passt. Denn wenn es jemandem zuzutrauen ist, sogar aus einem überholten Museumsstück die wundersamsten Klänge hervorzuzaubern, dann ist es zweifelsohne Vince Clarke. Seit nunmehr vierzig Jahren ist er der Tüftler und Schrauber im Hintergrund, der analoges Piepen, Knarzen, und Knattern in chartstaugliches Material sublimiert. Drei seiner Bands haben einen bleibenden Fußabdruck in der Musikgeschichte hinterlassen: Depeche Mode, mit ihrer Kombination aus Pop und Gothic. Yazoo, deren Fusion aus warmem Soul und kühler Elektronik ihrer Zeit bemerkenswert weit voraus war. Und schließlich Erasure, die inzwischen vielleicht konsequenteste Verkörperung der Synthie-Pop-Philosophie.

Um so erstaunlicher, dass Clarke erst jetzt, mit inzwischen 63 Jahren, sein erstes Soloalbum unter eigenem Namen vorlegt. Der Schritt war, wie erwartet, der Pandemie geschuldet. Er habe sich schlicht, wie viele andere auch, zu Tode gelangweilt und eine Art akustisch Spielwiese gebraucht. Schon in vielen Interviews hatte er im Laufe der Jahre erwähnt, wie gerne er tiefer in das Potential seines Eurorack-Systems eintauchen wollte. Nun war der Moment gekommen. Es entstanden naïve Studien und Versuche, Mikro-Jams und Skizzen. Clarke konnte es selbst nicht glauben, als seine Plattenfirma Mute von den Ergebnisen begeistert war und sie unbedingt herausbringen wollte.

Als Hörer darf man dankbar dafür sein. Denn so großartig Erasure in ihren besten Momenten bleiben: “Songs of Silence” ist ein willkomener Blick in eine komplett andere Dimension seines Schaffens. Statt Stimmen und Songstrukturen nutzt das Projekt die Magie der Wiederholung, sucht in einer Vielzahl bewusst gewählter Regeln und Limitierungen frische Inspiration. Drones und pulsierende Ambienttexturen, krautig klingelnde Sequenzen, verstörende Samples und ein wehklagender Gastauftritte eines Cellos ergeben ein dunkles, hyonotisierendes Werk ohne Refenzpunkte in Clarkes bisherigem Schaffen.

Und das Cover? Ist natürlich schwarz-weiß.

#30 mit Trevor Horn

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um die Legende Trevor Horn, dessen Produktionen die 80er prägten.

Was ist wichtiger: Der Song oder das Arrangement? Es ist eine Frage, die seit Generationen heiß diskutiert wird. Die 80er suggerierten, alles drehe sich um glänzende Oberflächen, glitzernden Detailreichtum und packend-ausufernde Intros. In den 90ern hingegen verkauften sich die CDs von MTVs Unplugged-Reihe, auf denen die Stücke oft auf wenig mehr als einer Wanderklampfe dargeboten wurden, wie geschnitten Brot. Wie passt das zusammen?

Trevor Horn ist der vielleicht qualifizierteste Musiker, diese komplexe Frage zu beantworten. Denn wie seine Produktionen beweisen, sind die beiden Bereiche einerseits eigenständig, gleichzeitig aber nahezu untrennbar miteinander verbunden. Für das inzwischen sagenumwobene Arrangement zu Frankie Goes to Hollywoods “Relax” schwitzte er wochenlang von morgens bis Abends im Studio, bis alles saß. Doch als Seal mit dem späteren weltweiten Hit “Crazy” zu ihm kam, setzten sich die beiden zuerst gemeinsam ans Klavier, um an der Komposition zu feilen.

Tatsächlich beweist Horns Karriere, dass Song und Arrangement einander brauchen, wenn beim Musikmachen etwas herauskommen soll, dass über aktuelle Trends hinaus Bestand haben soll. Nur wenige Produzenten haben über so viele Jahrzehnte hinweg so dauerhaft Erfolge feiern dürfen und man kann durchaus behaupten, dass sein Stern in den 90ern sogar heller strahlte als in den 80ern.

Wohl auch deshalb finden sich auf seinem neuen Album “Echoes – Ancient & Modern” nicht nur Neufassungen alter Bekannter, sondern auch einige Überraschungen und aktuellere Titel. Gäste wie Tori Amos, H von Marillion, Seal und die unglaubliche Lady Blackbird sorgen zwar für ein vertrautes Feeling, doch sind die Sounds und Kompositionen allesamt derart komplett umgekrempelt, dass sie auch als neue Songs durchgehen könnten – und, so eng Arrangements und Songs bei Trevor Horn zusammengehören, sind sie das gewissermaßen ja auch.

#29 mit Sickotoy

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Sickotoy, der Elemente rumänischer Musik mit moderner Elektronik verbindet und dafür bereits mit einem Grammy belohnt wurde.

Es ist viel die Rede davon, wie auf globalisierten Märkten nur noch milliardenschwere Multinations überleben. Dabei sind in der Musik gerade die Kleinen oftmals die wahren Giganten. Man denke nur an den Einfluss, den Länder wie Schweden oder Jamaica auf die Charts ausüben, an Island als einen Geysir der Inspiration. Die nächste Revolution könnte in Rumänien zünden: Immer wieder findet man rumänische Produzenten in den Credits zu internationalen Hits, ihre Songs haben eine erkennbare Handschrift und die Szene quillt vor Talenten geradezu über.

Alexandru Cotoi alias Sickotoy ist einer der führenden Vertreter dieser Bewegung. Seine Karriere begann mit einem Knall und als Teil der Backing-Band von Morandi, einem seinerzeit extrem erfolgreichen Projekt. Doch seine wahre Heimat war das Studio, nicht die Bühne. Bereits vier Jahre nach seiner Umorientierung als Produzent landete er einen unerwarteten Treffer, als der amerikanische Megastar Pittbull einen seiner Tracks für das Album “Dale” auswählte – später wurde “Baddest Girl in Town” sogar mit einem Grammy belohnt.

Seitdem geht es mit Cotois Karriere weiter steil nach oben. Die rumänische Ikone Inna entschied sich bei ihrem Album “Heartbreaker” für Alex als ihren Stammproduzenten, auf der neuen Single “Bad Girls” kollaborierte er mit der Legende Wayne Hector (Britney Spears, Nicki Minaj, Kylie Minogue), und im vergangenen Jahr saß er sogar in der Jury von One True Singer, der rumänischen Fassung von The Voice of Germany.

Die Basis für diese Erfolge liegt darin, wie Cotoi Elemente aus den unterschiedlichsten Kulturen und Genres organisch zusammenwebt. Ebenso wichtig ist indes seine Fähigkeit, sich bei sogenannten Writers Camps mit anderen Songwritern zusammenzuschließen und in spontanen Sessions der Kreativität freien Lauf zu lassen. Dabei kommt nicht nur Gold heraus, aber in der Summe eben doch viel Großartiges – und garantiert wieder einige globale Hits, die sein Profil weiter steigen lassen werden. Um Sickotoy und Rumänien im Allgemeinen wird man schon bald nicht mehr herumkommen.

#28 mit Rodriguez Jr. – Kein Entkommen

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Rodriguez Jr., der auf „Feathers & Bones“ sinnlichen House mit hypnotischem Songwriting und ganz viel Atmosphäre verbindet.

Der vielleicht schönste Track auf „Feathers & Bones“” ist gerade einmal zweieinhalb Minuten lang und steht ganz am Ende: „Tape #2“ ist ein magischer Loop aus an- und abschwellenden Pads, feinem analogen Kratzen und einer Melodie, die direkt von der Venus auf die Erde gebeamt wurde. Solche Momente gibt es auf diesem Album immer wieder. Es ist das inzwischen vierte aus der Feder von Olivier Mateu und möglicherweise das beste. Nach dem phänomenalen, Minimal-angehauchten Traumdebüt „Bittersweet“ markierte „Bliss“ 2020 den Beginn von etwas Neuem – ein Rundumschlag, der auch Acid-Lines und Breakbeats mit einschloss.

„Feathers & Bones“ setzt diesen Weg konsequent fort und kann als Selbstfindung gedeutet werden. Weshalb das Werk nun auch auf seinem eigenen Label erscheint. Zentral steht hier das Pendeln zwischen Instrumentals und Vocal-Tracks, zwischen Treiben und Tanzen. Die Songs sind unglaublich vielschichtig, aber niemals überladen – viele Klangelemente, darunter unzählige Field Recordings aus Mateus‘ Archiv, sind so subtil zusammengemischt, dass man sie erst beim wiederholten Hören bemerkt.

Die Wirkung aber ist alles andere als subtil. Auch dank der Sorgfalt, die in den Atmos-Mix investiert wurde, ist „Feathers & Bones“” eine Scheibe, die begeistert und lange nachwirkt. Und die Lust macht auf den Nachfolger – an dem Rodriguez Jr. natürlich längst arbeitet.

#27 mit Carl Cox – Stillstand ist der Tod

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Im Behind the Beat Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Elektronik-LegendeCarl Cox, der nach elf Jahren Pause für ein neues Album ins Studio zurückgekehrt ist – und dabei den Spaß am Produzieren wiederentdeckt hat.

“All Roads lead to the Dancefloor” hieß das letzte Carl Cox Album, aus dem Jahr 2011. Und tatsächlich sah es lange so aus, als folge Cox diesem Titel wörtlich. Eine Dekade lang widmete er sich vollkommen der Kunst der Kanzel, belebte sein Intec-Label wieder und förderte junge Talente. Seine Ambitionen als Musiker aber schien er an den Nagel gehängt zu haben.

Und dann, wie aus dem Nichts kehrt er mit einem neuen Album zurück. Und klingt darauf vielleicht frischer denn je. An die Vielseitigkeit seiner Sets angelehnt, wirbelt sich der Altmeister im Titeltrack von “Electronic Generations” durch pumpenden Electro, schüttelt mit bestechender Lässigkeit ätzend-euphorische Acid-Hymnen (“Get After it” sowie das vollkommen entfesselte “World Gone Mad”) und episch stampfenden Mainroom-Techno (“How it makes you feel”, “Heads Up”) aus dem Ärmel. Sogar eine bemerkenswert gelungene Fusion aus 70er-Jahre-Sequencern und House findet sich hier (“Toys out of the Pram”).

Siebzehn eklektische Tracks in allen Farben des elektronischen Regenbogens finden sich auf “Electronic Generations” – keines seiner bislang fünf Alben ging ihm so leicht und schnell von der Hand wie dieses. Entcheidenden Anteil daran hatte sein neues, auf schnelle Umsetzung und Live-Einsatz ausgelegtes Set-Up. So entstanden alle neuen Stücke aus spontan-verspielten Jam-Sessions, die anschließend kaum, wenn überhaupt, editiert wurden. Auch der Plattenfirma machte Cox unmissverständlich klar: Die Tracks werden entweder so veröffentlicht wie sie sind – oder gar nicht.

Back to the Roots? Nicht für Cox, der bisher als Perfektionist bekannt war. Vielmehr stellte der Schritt in Richtung Augenblicklichkeit für ihn ein Wagnis dar, eine neue Herausforderung in einem Alter, in dem die Durchschnittsbürgerin bereits von der Rente träumt. Warum er sich aber doch dazu entschlossen hat, erklärt der Titel seiner neuen, mit dem britischen Produzenten Bushwacka! Engespielten Single: “Music is Life” – und Stillstand ist der Tod

#26 mit Girts von Erica Synths

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Im BEHIND THE BEAT Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Girts Ozolins, Gründer des führenden Modularherstellers Erica Synths – über seine Zusammenarbeit mit Richie Hawtin, Kreativität, Bildung und darüber, wie Erica Nutzern hilft, ihre eigenen Synthesizer zu bauen.

Depeche Mode-Mastermind Martin Gore und Art-Pop-Ikone Lady Gaga. IDM-Pionier Aphex Twin und der verstorbene japanische Komponist Ryuichi Sakamoto. Superstar Jean-Michel Jarre und Underground-Noise-Meister Merzbow. Ihre Musik mag sehr unterschiedlich erscheinen. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie lieben die Instrumente von Erica Synths,. Jarre bezeichnete die Marke sogar als ein perfektes Beispiel dafür, wie elektronische Handwerkskunst im 21. Jahrhundert aussehen sollte.

Für Gründer Girts Ozolins ist die Erfolgsgeschichte von Erica ein persönlicher Triumph. Im Mittelpunkt des Unternehmens steht eine brennende Leidenschaft für Musik. Auf der Erica-Website werden Besucher mit Interviews verwöhnt, die Girts selbst mit einigen seiner Helden geführt hat. Dies ist kein getarntes Marketing – sie sind Teil seiner Reise.

Von Anfang an hatte Erica eine prominente Anhängerschaft. Und so haben es die Klänge aus Lettland auf einige der meistverkauften Platten der Welt geschafft. Für den ehemaligen Physik-Lehrer ist die Anerkennung eine Art Auftrag: Mit der Einführung der „mki x es.EDU“-Produktlinie – DIY-Kits, die es den Nutzern ermöglichen, sich mit dem Bau ihrer eigenen Synthesizer vertraut zu machen – ist Erica kürzlich in den Bildungsbereich eingestiegen. Jean-Michel Jarre bezog sich auf diese praktische Qualität, als er sagte, diese Synthesizer seien „eine Kombination aus dem digitalen Zeitalter und uns – analoge Tiere aus Blut und Knochen“, die „Knöpfe und Regler zum Anfassen brauchen“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber es scheint kein kompliziertes Konzept hinter Erica Synths zu stecken. Es sind einfach großartig klingende Geräte entworfen und gebaut für intensivsten Live-Einsatz. Wenn es eine Philosophie dahinter gibt, dann ist es vielleicht diese: Technologie soll keine Bedrohung für menschliche Musik sein – sondern vielmehr Tore zu neuer Kreativität aufstoßen.

www.ericasynths.lv

#25 mit Eric Horstmann von Immersive Lab

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Im BEAT Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um den Mixing- und Mastering-Engineer Eric Horstmann, dem in Deutschland wohl führenden Experten für Atmos.

In einem vielbeachteten Interview hat Mastering-Legende Bob Clearmountain bereits das Ende von Dolby Atmos vorhergesagt. Eric Horstmann aber glaubt vorbehaltlos an das neue Format. In seinem “Immersive Lab”, das er sich mit Produzent und Songwriter Daniel Grunenberg von Glasperlenspiel teilt, gibt er der Musik von Kunden wie Shirin David und Cro, Moderat und Rodriguez Jr, Alice Merton und Paula Hartmann den atmosphärischen Feinschliff. Dafür hat er sich auch entsprechend professionell eingerichtet.

Das Immersive Lab mag auf den ersten Blick recht klein und unspektakulär anmuten. Doch hinter der nüchternen Fassade und den psychedelisch-welligen Absorberflächen verbirgt sich State-of-the-Art Technologie und ein genau durchdachtes Konzept. Dominiert wird es von Genelec-Speakern – Horstmann arbeitet für den finnischen Boxen-Hersteller und dessen futuristisches Experience Center in Berlin – sowie den Modulen des dänischen Herstellers DAD.

Gearbeitet wird vornehmlich in der Box und mit Kopfhörern. Der Hauptvorteil: Über visuelle Darstellungen und eine Vielzahl leistungsfähiger Tools lässt sich der Sound punktgenau im Raum platzieren und bis in die kleinsten Details hinein bearbeiten. Auch binaurale Headphone-Mixe entfalten ihr volles, immersives Potential. So entstehen Produktionen, die raffiniert und überraschend, aber gleichzeitig vollkommen organisch klingen.

Für unseren Podcast haben wir Eric im Lab besucht und mit ihm über die aktuelle Clearmountain-Kritik an Atmos sowie die praktische Arbeit im Studio gesprochen. Eines steht nach diesem Gespräch fest: Die Chancen, dass Atmos das erste Surround-Format mit Breitenwirkung wird, standen nie besser.

#24 mit Ben Lukas Boysen: Rave-Ausflüge

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Im BEAT Producer Podcast bittet Tobias Fischer spannende Produzenten zum Tiefen-Gespräch. Diese Folge dreht sich um Ben Lukas Boysen, dessen Arbeit sich auf dem schmalen Grat zwischen Soundtracks, moderner Klassik und Electronica bewegt.

Ben Lukas Boysen empfängt uns in seinem neuen Studio. Der kleine, aber einladende Raum beherbergt seine persönliche Sammlung klassischer Synthesizer, Drumcomputer und eine akribisch geordnete Kabelsammlung („Ich habe immer noch das Gefühl, dass sie nicht geordnet genug ist“, gibt er lachend zu, „ich leide unter schwerer Kabel-OCD.“). Die meiste Musik entsteht jedoch “in the box”, sogar die atemberaubend schönen Klavierklänge, für die er berühmt geworden ist. Die Einfachheit und Sauberkeit des Raums bietet den perfekten Schutzraum für die faszinierend eigenwilligen Rave-Ausflüge seines experimentellen Projekts Hecq – das er nun, nach einer mehrjährigen Phase der Stille, wieder aufleben lässt.

In vielerlei Hinsicht ist dies der perfekte Zeitpunkt für ein Gespräch. Dank glorreich produzierter Alben wie “Mirage” oder “Gravity” ist Ben längst aus dem Schatten einiger der größeren Labelkollegen von Erased Tapes herausgetreten – allen voran Nils Frahm, den er bei “Gravity” noch als Produzent hinzugezogen hatte. Vor allem die letzten Jahre brachten dank starker Soundtrack-Arbeiten den Durchbruch. 2019 wurde er gebeten, den deutschen Thriller “Der Fall Collini” zu vertonen, seinerzeit der erfolgreichste Film des Jahres. 2022 folgte die TV-Serie “The Lazarus Project”, eine spannungsgeladene Zeitreisegeschichte, die sich in einem an Tennet gemahnenden Universum bewegt und wohl die bisher ambitionierteste und kreativ überzeugendste Originalserie von Sky darstellt.

Boysens klassische Ausbildung, und seine Jugend in einer Familie von Kreativen und Musikliebhabern, bildete die ideale Basis für einen natürlichen Umgang mit orchestralen Klangfarben. Gleichzeitig führte ihn seine persönliche Liebe zum IDM der 90er Jahre, von Aphex Twin bis Autechre, zu elektronischen Klangskulpturen, komplexen Beatmustern und gespenstischen Stimmungen. Bei Hecq ging es (unter anderem) immer darum, diese beiden scheinbar gegensätzlichen Tendenzen zu einer einheitlichen Sprache zu verschmelzen, zusammengehalten von Boysens Begabung als Arrangeur, Sounddesigner und Klanggeschichtenerzähler.

Nach einer mehrjährigen Pause von Hecq, gibt es nun plötzlich eine neue EP. Sie trägt den Titel “Form” und ist eines der vielversprechendsten Comebacks in diesem Jahr. “Form” schafft es, ein vertrautes, leicht nostalgisches Gefühl zu transportieren und dieses gleichzeitig in Tracks einzubetten, die einige der abenteuerlichsten Kompositionsideen in Boysens Karriere aufweisen.

Weniger episch in Design und Klang als das Vorgängeralbum “Mirage” arbeiten diese Stücke mit eigentlich einfachen Ideen, um verblüffend originelle Ergebnisse zu erzielen. Sie zeugen von den Talenten eines Produzenten, für den die Welt der Musik noch voller ungenutzter Potenziale ist – und der, wie unser Podcast beweist, sich auch gerne in aller Tiefe darüber unterhält.